Von Eckhard Supp – Tatsächlich wirkt der Name der Veranstaltung – „Big Bottle Party“ -, zu der das Hamburger Hotel Louis C. Jacob heute eingeladen hatte, in der deutschen Version reichlich zweideutig: „Party für große Flaschen“, oder vielleicht „Party mit großen Flaschen“. Da ich mich dann mehr oder weniger zwangsläufig selbst zu den großen Flaschen hätte zählen müssen, lasse ich es lieber bei den „big bottles“.
Große Flaschen wurden tatsächlich im Überfluss präsentiert, von insgesamt 37 Weingütern aus Deutschland, Österreich, Frankeich und Italien. Insofern war das einmal kein Etikettenschwindel, wie er leider so oft hinter derart eingängigen Veranstaltungsmottos steckt.
Und auch, was es zu verkosten gab, war absolut sehens-, pardon trinkenswert. Von Egon Müller oder Emrich-Schönleber aus deutschen Landen war die Phalanx über Hirtzberger, Knoll, Braunstein etc. aus der Alpenrepublik bis hin zu den Bordeaux-Schwergewichtern Lagune und Angélus breit und gut aufgestellt. Und die sechs Köche (Buchholz vom Berliner Hotel Palace, Elverfeld vom Wolfsburger Aqua, King vom Söl’ring auf Sylt, Luther vom Alten Meierhof in Glücksburg, Müller vom Müller auf Sylt, “Hauskoch“ Thomas Martin und dazu der Patissier Stephan Franz) schnipselten und rührten, was das Zeug hielt.
Es war absolut lecker! Und das meine ich einmal wirklich nicht zynisch oder polemisch.
750 Liter Wein wurden an 450 Gäste ausgeschenkt, 2.700 Portionen Essen verteilt, 120 Mitarbeiter wuselten durch Küche und Säle und 5.200 Gläser mussten im Dauereinsatz gespült und poliert werden, denn – und hier komme ich zu einem ersten kleinen Schwachpunkt der Veranstaltung – es musste wirklich getrunken werden: 1,6 Liter pro Kopf der Anwesenden, wie Jacob-Direktor Deitmar stolz verkündete. Spucknäpfe für die Unverbesserlichen unter uns Profis waren leider Mangelware. Da verwunderte es nicht, dass schon nach der ersten Stunden viele Augen glänzten, die Schritte unsicherer und das Lachen auffälliger wurden.
Und damit komme ich endlich zu den Weinen und damit auch zum Knackpunkt der Veranstaltung aus Sicht des Weinkritikers. Warum wohl sollte man Weine nicht aus der Normal-, sondern aus der Großflasche servieren? Doch wohl, weil sie darin deutlich besser, d. h. langsamer, harmonischer, reifen und höhere geschmackliche Vollendung erreichen können.
Serviert man aber im Jahr 2008 Rotweine der Jahrgänge 2005 oder sogar 2006 aus der Großflasche, so wirkt das, mit Verlaub gesagt, ein wenig wie pure Angeberei. So war denn auch beispielsweise der 2005er Ornellaia (dichtes, frisches Rubin, feine Beerenfrucht, viel Stoff, Saft und Frucht, reife, angenehme Tannine, gute aromatische (ätherische) Länge eine Spur schwächer als ich ihn aus der Normalflasche erinnerte. Auch bei anderen einem weiteren italienischen Vertreter (Carnasciale mit Caberlot 2005 aus der 5-l-Flasche: gutes, frisches Rubin, in der Nase noch verschlossen, aber schon gute Tiefe erkennbar, viel Frucht am Gaumen, Tannine schön eingebunden, allerdings etwas wenig Struktur und Länge) musste man sich fragen, ob der Wein aus der Normalflasche nicht schon mehr von seinem (vielleicht vorhandenen) Potenzial gezeigt hätte.
Ein wenig positiver war der Eindruck beim 2005er Chianti Classico von Castello di Ama (gutes Rot, sehr tiefe, anregende Aromen mit Unterholz und Beeren, feines Tannin, elegant und lang im Abgang, schöner, typischer Chianti), der nach einem Durchhänger wieder das Niveau zu erreichen scheint, das ich von der Fassprobe erinnere. Und richtig spannend wurde es bei Pio Cesare aus dem Piemont, die als einzige unter den Italienern einen wirklich gereiften Barbaresco 1998 mitgebracht hatten (lebendige, reife Farbe, Pilze und Unterholz, reiche Aromen auch am Gaumen, feines, leicht sandiges Tannin), der durch die lange Lagerung wirklich und eindeutig gewonnen hat. Hier war die Großflasche wirklich angebracht.
Bei Pio Cesare präsentierte man auch den 2004er Barolo (gutes Rot, sehr offene, reichhaltige Nase, tief und fein, am Gaumen gutes, reifes Tannin, noch leicht sandig, schöne aromatische Länge im Abgang), der gerade vom Wine Spectator als einer der besten Weine der Welt ausgezeichnet wurde. Ein schöner Barolo, ohne Zweifel, und recht traditionell im Stil. Aber dem Wein gleich zu einem der besten der Welt zu erklären?!? Vielleicht kriegen die Burschen vom Wine Speculator ja nicht besseres zu Trinken! Erzeuger der Welt, schickt mal ein paar wirklich gute Flaschen nach Kalifornien!
Auch die Franzosen – von den Österreichern schweigen wir einmal, denn wirklich alte Rotweine, die die Großflasche verdient hätten, gibt es ja dort noch nicht wie Sand am Meer - hatten begriffen, was es mit den Großflaschen auf sich hat. Leider präsentierten sie nicht ihre Spitzenjahrgänge. Angélus kam mit dem 1993er (dichtes, schon etwas reiferes Rot, Fell, Jod, Beeren und Lakritz, noch recht jung wirkendes Tannin, gute aromatische Länge), den ich allerdings besser in Erinnerung hatte – hier hat die Großflasche wohl auch nicht geholfen! Und Lagrange war mit den Jahrgängen 1995 und 1985 gekommen. Der 95er (frisches, samtenes Rot, sehr tiefes Beeren- und Waldaroma, leichte Jodspuren, sehr gute Balance am Gaumen, etwas zu wenig Kraft, schöner, trinkreifer Wein) gefiel mit einst als Fassprobe besser, und den 85er (noch sehr frisch und dunkel in der Farbe, etwas Rauch und Kellerduft, am Gaumen frisch und lebendig, allerdings auch ohne großen Stoff und Tiefe) bewertete ich fast genau so wie 1996 aus der Magnumflasche.
Eine wirklich Überraschung war der 1993er Châteauneuf-du-Pape von Vieux Télégraphe (dichtes, schönes Rot, sehr tiefe, würzig- lakritzige Frucht, Minze und Cassis, am Gaumen fest, stoffig, mit guter Länge). Wenn ich an diesem Tag einen Wein zum Essensbegleiter hätte auswählen müssen, wäre er es gewesen: Lebendig und mit guter Balance, so wie man sich einen perfekt trinkreifen Wein vorstellt! D. h. in etwa so wie der 1986er Valpolicella Superiore von Giuseppe Quintarelli, den ich gestern abend geköpft habe, und der lebendig und faszinierend wie am ersten Tag war.
Auch bei den Weißen wurden leider viel zu (für die Großflasche) junge Weine ausgeschenkt. Herrliche 2007er zum Beispiel, die sich aber vielleicht in der Normalflasche noch ein Stück schöner dargestellt hätten. Meine Favoriten? Der Riesling Felseneck Großes Gewächs 2007 von Schäfer-Fröhlich (helles Strohgelb, sehr markante Riesling-Frucht, leichte Muskatnote, Pfirsich und Apfel, am Gaumen Saft und Stoff in guter Balance, sehr schöner, langer Abgang), der Silvaner Kallmuth Asphodill Großes Gewächs 2007 von Fürst Löwenstein (dichtes Gelb, tiefer, reifer Duft, schöne Würze mit erdigem Grundton, gute Dichte und aromatische Länge) und natürlich der Riesling Monziger Halenberg R 2006 von Emrich-Schönleber (glanzhelles, leuchtendes Grünstroh, sehr feine Frucht im Duft, gelbes Steinobst, etwas reife Stachelbeere, am Gaumen dicht, fest, sehr schöne Struktur, toller Riesling).
Bei den österreichischen Weißweinen verstand man wieder gelegentlich, warum hier Großflaschen geöffnet wurden: Emmerich Knoll hatte einen Grünen Veltliner Schütt 2001 Smaragd mitgebracht (dichtes Grüngelb, schöner, würziger Duft, Dichte und Saft am Gaumen, noch sehr frischer, lebendiger Wein) und das Weingut Hirzberger einen Riesling Singerriedl 2002 Smaragd (leuchtendes Grüngelb, Honignoten, Muskat und gelbes Steinobst, sehr dicht und kompakt am Gaumen, schöne Länge, toller Riesling).
Den Hammer des Tages hätte ich jetzt aber fast noch vergessen: Es war Egon Müllers 1998er Eiswein vom Scharzhofberg. Eine Granate mit dichter, goldgelber Farbe, Rauch- und Honignoten sowie balsamischem Duft in der Nase, öffnet sich im Glas mit floralen und fruchtigen Würznoten, tolles Säure-Süße-Paket am Gaumen, komplex im Abgang – ein Wein, von dem ich die Großflasche auch alleine geleert hätte, wären da nicht andere Weinfreunde schneller gewesen!
1. Dezember 2008 um 7:47
Fein, fein………zuletzt gab es die BigBottle-Party Anfang des Jahres im Hotel Palace in Berlin. Die war auch nicht von schlechtern Eltern, es gab dort nämlich auch gereifte Rieslnge wie z.B. 1992 Breuer „Nonnenberg“.
Grüße aus Berlin,
Martin „BerlinKitchen“
P.S. Haben wir nicht den 98er Eiswein von Egon Müller kurz vor der Gutswein zusammen im Hotel Brandenburger Hof verkostet?! Toller Stoff, in der Tat.
1. Dezember 2008 um 10:15
… ich erinnere mich nur an eine 1997er TBA. Auch wenn es auf die Distanz schwer ist, die beiden zu vergleichen, hat mich der 1998er Eiswein noch ein Quentchen (oder muss es jetzt Quäntchen heißen?) mehr begeistert.