Zu Besuch beim „Fälscher“ – Rodenstock öffnet Pétrus, Mouton und Co.

 

Von Eckhard Supp -  Eigentlich hatte ich in meinen Artikeln in diesem Blog (auch hier… ) und in meinem jüngsten Editorial gar nicht die Absicht gehabt, in der Kontroverse Stern vs. Rodenstock den (Alt)Weinhändler und -sammler Hardy Rodenstock zu verteidigen. Dazu kannte ich ihn viel zu wenig und über jemanden bzw. seine Arbeit zu urteilen, den man nur zwei Mal im Leben gesehen hat, wäre mir dann doch etwas zu verwegen erschienen. Vielmehr ging es mir bei meiner Kritik um die in diesem Fall praktizierte Art “Journalismus“ des Stern, d. h. um die in meinen Augen demagogischen und diffamatorischen Methoden, die den Kollegen Scheuermann in seinem Blog zur Vermutung veranlasst hatten, dass es sich bei dieser Berichterstattung in Wahrheit um eine Rufmordkampagne handele. Aber natürlich war klar, dass diese Artikel auch als Verteidigung Rodenstocks gelesen werden würden.

 

dsc_4139
Legendäre Flaschen in einer Rodenstock-Probe

Jetzt aber war Rodenstock samt eines Koffers voller Weinflaschen in Hamburg, traf sich mit Kunden zur üppigst ausgestatteten Weinprobe und lud mich dazu ein, damit ich mir höchstpersönlich ein Bild machen könne, wie seriös oder unseriös es bei seinen Veranstaltungen zugehe. Die Gelegenheit durfte ich natürlich nicht verstreichen lassen, und so machte ich mich – mit öffentlichen Verkehrsmitteln, denn die Liste der Weine, die verkostet werden sollten, schien mir doch ziemlich lang – auf die Reise ins Restaurant Memory (sorry, das hatte ich ursprünglich falsch geschrieben), von meiner Heimat Hamburg-Niendorf aus gesehen schon fast an der Nordsee gelegen.

Die erste Überraschung erlebt ich beim Eintrudeln der Gäste. Wenn ich vielleicht exaltierte, eher besserwisserisch veranlagte Wein“experten“ erwartet hatte – von der Art derer, die es schaffen, einem jeden Weingenuss in Minutenschnelle zu „zerreden“ -, dann hatte ich mich gründlich getäuscht. Die knapp 20 Männer und Frauen – letztere durchaus nicht nur „Begleiterinnen“, wie sich beim Erraten der blind verkosteten Weine herausstellen sollte -, die sich da versammelten, fielen allenfalls durch ihre Normalität auf. Nicht einmal den Weinfreund hätte man ihnen auf der Straße oder im Restaurant auf den ersten Blick angesehen. Vielleicht waren alle etwas aufgeregt, in Erwartung der kommenden Genüsse, und sicher verfügten sie alle über eine großzügig ausgestattete „Portokasse“, die es ihnen überhaupt erlaubte, einen solchen Abend und solche Weine, wie sie sie offenbar immer wieder bei Rodenstock kaufen, zu bezahlen.

Aber es waren, das sollte der Abend deutlich machen, wirkliche Weinfreunde, ausgesprochene Genießer, die diese Art exklusiver Gewächse offenbar nicht zum ersten Mal kosteten oder tranken. Keine Sammler, die hier nur Spekulationsobjekte für ihre Geldanlage suchten. Kein einziger dieser Gäste schien viel auf die Fälschungsvorwürfe des Stern zu geben, alle waren sich sicher, dass ihnen Rodenstock keine „fakes“ auftischen würde.

Dann ging das Feuerwerk der Spitzenqualitäten los. Gestartet wurde mit einer 1997er Riesling Auslese vom Eitelsbacher Karthäuserhofberg von Tyrell, die sich von herrlicher Frische und großer aromatischer Komplexität zeigte – zurück am heimischen Schreibtisch sollte ich feststellen, dass ich den Wein bereits einmal getrunken hatte, und zwar bereits 1998 in Verona: Die Wertung war bei beiden Gelegenheiten bis auf 1/100 identisch: für mich klare 5 Sterne!

Es folgten die 16 Roten aus Bordeaux: vier Weine des Superjahrgangs 2005, der auch Gegenstand eines unserer jüngsten Verkostungsreports gewesen war – als einzigen der vier hatten wir damals bereits Château Dauzac aus Margaux verkosten können, der uns mit einem halben Jahr Abstand eine Spur besser gefiel, aber im Prinzip die gleiche Wertung erhielt. Willkommener Nebeneffekt dieser Tatsache: Meine geschmacklichen Parameter waren für die restliche Probe geeicht, was im Nachhinein gesehen von Bedeutung war. Absoluter Sieger dieses Flights war der Pomerol von Château L’Église-Clinet, dem ich allerdings nicht die von Robert Parker verliehenen 100 Punkte gegeben hätte: Immerhin aber bekam er klare 5 Sterne!

Dann folgte als erstes Highlight des Abends ein Flight mit drei 2000er Pomerols: Le Pin, Pétrus und Église-Clinet, die blind gekostet und erraten werden mussten. Da mir Le Pin noch nie sonderlich gefallen hat und Église-Clinet im Stil dem 2005er ähnelte – allerdings noch einmal deutlich besser war -, war das Raten recht einfach: Der Dritte im Bunde musste Pétrus sein, was die Hälfte der Gruppe ebenso sah und damit auch Recht hatte. Und was für ein Pétrus das war! Von dichtem schönen Rot, mit einem unglaublich wilden Bukett, in dem sich Beeren, Tannnennadeln, Jod, süßer Tabak und Gewürze zum Potpourri versammelten, am Gaumen dicht, saftig und großartig lang im Abgang: ein absoluter Traumwein, und mit Sicherheit einer der besten Rotweine, die ich je getrunken habe.

Die nächste Dreiergruppe war dem Margaux-Cru Château Giscours gewidmet, von dem mir in unserer großen Bordeauxprobe der 2005er und der 2006er ungemein gut gefallen hatten. Beide waren diesmal leider nicht vertreten, statt dessen probierten wir den 1982er mit zimtigem Tabakbukett und schönem, leicht medizinalischem Finish, den 1975er, der noch eine Spur besser und lebendiger wirkte, und schließlich den 1970er, der sich ungewöhnlich jung gab, und dessen feste Struktur fast noch eine Spur Schärfe besaß. Ein großartiger Wein!

Bei den beiden Gewächsen, die anschließend zu erraten waren – ein 1970er Château Magdelaine und ein 1996er Château Église-Clinet -, schaffte ich es weder, die Appellation, noch den Jahrgang zu erraten. Immerhin hatte einer der Teilnehmer der Probe Château Église-Clinet auf seinem Zettel, und sich im Jahrgang nur um ein Jahr geirrt: Ein großartiger Treffer, der von Expertise zeugt.

Anschließend war mein Jahrgang, 1950, in Gestalt eines einzelnen Weines, auf den ich naturgemäß besonders gespannt war, an der Reihe. Der Saint-Émilion von Château Maison-Blanche aus der Jeroboam war zwar nicht mehr so kraftvoll und lebendig, wie die zuvor ausgeschenkten 1970er, aber immer noch ein Hochgenuss: Zimtpflaumen, Rumtopf und Gewürze im Duft, und am Gaumen, nachdem der anfängliche Eindruck, der Wein sei schon etwas ausgezehrt, verschwunden war, war dieser Saint-Émilion noch sehr lebendig, mit fast schokoladenartigen Tanninen. Ein Wein, der im Glas immer schöner wurde.

Die Krönung des Abends war dann eine Gruppe von drei großen Gewächsen, zweien aus Pomerol und einem aus Pauillac. Es waren ein 1961er Château Trotanoy aus der 6-l-Flasche, ein 1929er Château Pétrus und ein Château Mouton-Rothschild aus dem selben Jahr. Fangen wir mit dem in meinen Augen schwächsten der Gruppe an, dem Mouton: dichtes, ungewöhnlich frisches Rot, in der Nase Teeblätter, Schokolade, am Gaumen mit den Jahren etwas schlank geworden (oder war er das schon immer?). Deutlich gereifter in Farbe und Nase präsentierte sich der Pétrus: Orange-Brauntöne, zartes Schokoladen-Leder-Bukett, nicht allzu viel aromatische Tiefe im Duft, aber dafür am Gaumen ein dichtes, süßes Paket, das sogar noch sehr lebendig wirkte und lange ausklang. 1929 war einer der wirklichen Jahrhundertjahrgänge des 20. Jh., aber ich stimme mit den Mitverkostern überein, dass man diese Weine vielleicht nicht mehr allzu lange lagern sollte.

Einen Wein habe ich bewusst ausgespart, den 1961er Trotanoy, denn der schaffte es sogar – was ich für unmöglich gehalten hatte -, den 200oer Pétrus noch in den Schatten zu stellen: unglaublich dichte, frische Farbe, Brombeerrot, Kaffee, Leder, süßer Tabak, Lebkuchengewürz und medizinalische Noten, Beeren und florale Töne, am Gaumen ein großer, saftiger Körper, weiches und perfekt eingebundenes Tannin, noch frisch und lebendig – ein absolut perfekter Wein! Wenn ich noch einer höhere Kategorie als „Traumwein“ bei meinen Wertungen zu vergeben hätte, dieser Wein würde verdienen.

 

dsc_4125
Die Korken des letzten Flights, Trotanoy (li.o.), Mouton (Mi.u.) und Pétrus (re.u.)

Nun wirkte dieser Wein so jung und frisch, dass jedem, der keine Erfahrung mit alten Jahrgängen aus der Großflasche hat, sofort der Verdacht kommen konnte, hier gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Nur: Wie sollte man so etwas fälschen oder “mixen“? Man müsste mehrere Flaschen vom Kaliber eines Pétrus und besser (!) kaufen, sie zusammen in die Großflasche füllen und dann noch das Etikett fälschen. Einmal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand solche Fähigkeiten besitzt: Welchen Sinn sollte es ergeben, Weine vom Qualitäts- und vor allem vom Preisniveau eines Pétrus unter anderem Namen zu verkaufen, d. h. unter einem Namen, unter dem sie mit einiger Sicherheit einen niedrigeren Preis erzielen würden?

So brachte es denn auch einer der Anwesenden in seiner kleinen Dankesrede auf den Punkt: Wenn Rodenstock in der Lage sei, solche Weine wie den 1950er Maison-Blanche, den 2000er oder 1929er Pétrus und vor allem den 1961er Trotanoy zu fälschen, dann wolle er gleich 500 Kisten von diesen „Fälschungen“ ordern.

Eine absolute Garantie, dass die von Rodenstock an diesem Abend ausgeschenkten Weine keine Fälschungen waren, konnte natürlich auch gestern Abend keiner der Teilnehmer geben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Weine wirklich „echt“ waren, würde ich doch mit mehr als 98 % ansetzen. Und das reicht den Kunden Rodenstocks offenbar, um dem Mann trotz aller Anfeindungen durch den Stern immer noch beträchtliche Summen für seine Gewächse zu zahlen.

2 Antworten zu „Zu Besuch beim „Fälscher“ – Rodenstock öffnet Pétrus, Mouton und Co.“

  1. Peter Vondung sagt:

    Hallo Eckhard Supp,

    gibt es zu dem 75er Giscours, von dem ich noch ein paar Flaschen im Keller habe, eine etwas präzisere Degustatonsnotiz?

    Gruß

    Peter Vondung

  2. Eckhard Supp sagt:

    Yessir!

    „gut gereifter Wein, tiefes Lakritz- und Tabakbukett mit schönen Kräuternoten, am Gaumen noch lebendig und frisch, gute aromatische Länge“ Benotung: „hohe“ vier Sterne.

    Eckhard Supp

Eine Antwort schreiben