Von Heinz Behrens – Bei der CMA haben verärgerte Landwirte bereits den Stecker gezogen: Am 3. Februar 2009 hat das Bundesverfassungsgericht die Verfassungswidrigkeit des Absatzfondsgesetzes festgestellt. Damit scheidet das bisherige Gesetz als Rechtsgrundlage für eine zentrale Absatzförderung aus. So wurde das Ende der (bisherigen) Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) eingeläutet.
Endlich Schluss mit so flachsinniger wie oft sexistischer Werbung à la „Ich liebe schöne Schenkel“ (für Hühnerschenkel), „Ich mag es am liebsten mit jungem Gemüse“ oder „Ich steh’ auf Typen mit Kohle“ (gemeint waren Männer, die grillen)!
Marketingexperten hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass die Arbeit der CMA in wesentlichen Bereichen ohne positive Wirkung verpuffte. Rund 90 Mio. € mussten deutsche Bauern Jahr für Jahr für die Verbreitung derartig gequälter Witzeleien in den Absatzfonds einzahlen – allein rund 33 Mio. € kamen von den Milchbauern, die ohnehin unter dem Verfall der Milchpreise leiden. „Die Milch macht’s (eben nicht)!“ – trotz oder wegen solcher Dümmlichkeiten.
Schnitt. Schon Ende letzten Jahres urteilte der Branchendienst New Business: „Wein-Werbung zum Weinen.“ Dabei wollte die neue Agentur „Zum goldenen Hirschen“ die Verbraucher verrückt machen … nach deutschen Weinen. U. a. mit einem Kinospot, der die neue strategische Ausrichtung des DWI Deutsches Weininstitut begleiten sollte, nämlich eine jüngere, urbane Zielgruppe mit zeitgemäßen Weinevents anzusprechen. So ein Pressetext.
Hier der Originaltext aus NB: „Warum wir bei solchen Worten misstrauisch werden? Weil es meistens ziemlich peinlich wird, wenn Werber versuchen, ein vor allem von etwas älteren Menschen bevorzugtes Produkt einer jungen Zielgruppe schmackhaft zu machen.“
Also das Schlimmste befürchtend schauen wir uns den Film an – und erleben, dass böse Vorahnungen manchmal von der Realität weit übertroffen werden. Da ist erst einmal das schauderhafte Lied: Seichtester Schlagerpopschmalz, bei dessen Erklingen die „jüngere, urbane Zielgruppe“, ist sie nur halbwegs bei Sinnen, ganz schnell nach einem Bier verlangen wird. „Unser erster Sommer, unser Weg zurück, unsere eigene Sache, unser Glück. Unsere fünf Sinne, unsere Liebeleien, unsere Stadt und unser Wein,“ säuselt es aus zu bemitleidenden Lautsprechern.
Gezeigt wird zu dem Tri-Tra-Trullala-Liedchen ein wahnsinnig glückliches Mitt-30er-Pärchen auf einem wahnsinnig coolen Bootsanleger vor einem wahnsinnig geilen Haus an der Hamburger Alster, das sich etwa 0,005 Mikropromille der „jüngeren, urbanen Zielgruppe“ leisten können dürfte.
Ich glaube, das genügt schon. Die Verantwortlichen für so viel werblichen Flachsinn – kilometergenau vorbei an der angepeilten Zielgruppe – dürften ihre fünf Sinne bei der neuen strategischen Ausrichtung ihrer Wein-Werbe-Aktivitäten nicht so richtig beisammen gehabt haben.
Ach ja – auch über die richtigen Kommunikationskanäle zu den „jüngeren, urbanen Zielgruppen“ sollte man mit all seinen fünf zur Verfügung stehenden Sinnen nochmals nachdenken. Und dabei vielleicht doch auf Experten hören.
Merke: Gremium-Entscheidungen sind selten Premium-Entscheidungen!
26. Mai 2009 um 23:37
Da frage ich mich doch als werbetreibender Weintrinker: Wo bitte kann ich den Etat für wirklich funktionierendes Zielgruppenmarketing abgreifen? Schon peinlich, das Ganze…
2. Juni 2009 um 12:36
Es ist ja gerade das Tolle, dass man trotz der wenig gelungenen Werbung (siehe z.B. http://vilmoskoerte.wordpress.com/2008/10/25/weinsensorium-in-berlin/) immer noch deutschen Wein trinken mag.
2. Juni 2009 um 12:57
Zum Glück sind die deutschen Winzer ja deutlich besser als ihre Institutionen, wobei ich das „immer noch“ relativieren würde, denn vor 25 Jahren fand ich das meiste, was hierzulande ausgeschenkt wurde, noch ziemlich grausig. Besser müsste es vielleicht heißen, dass man trotz des DWI seit geraumer Zeit wieder deutschen Wein trinken mag…
P.S. der Link zu „Weinsensorium in Berlin“ scheint nicht zu funktionieren.
2. Juni 2009 um 15:19
Upps, das liegt an der Klammer, die versehentlich mit in den Link „gerutscht“ ist. leider kann man ja die Kommentare nachträglich nicht mehr ändern, also hier noch einmal: http://vilmoskoerte.wordpress.com/2008/10/25/weinsensorium-in-berlin/
4. September 2009 um 16:06
Werbung für solch eine Zielkundschaft sollte auf Augenhöhe gemacht werden. Wein, z.B. in Gesellschaft mit jungen Leuten, die grillen… Frischer Salat und eben einen passenden Wein…