Von Eckhard Supp – Immer wieder stoße ich in Diskussionsgruppen, Foren oder Social Networks, die den Wein zum Thema haben, auf vorgeblich sachkundige Beiträge, in denen „Weinwissen“ zum Besten gegeben wird, bei dessen Lektüre sich mir aber die Haare sträuben. Nun sind die Autoren solcher Beiträge oft selbst Weinlaien – auch wenn sie gerne in fachmännischer Pose daherkommen oder glauben, dank ihres Berufs als Weinhändler das „richtige Wissen“ gepachtet zu haben. Kritisieren oder korrigieren darf man diese selbsternannten Autoritäten natürlich nicht, denn dann werden sie stinksauer: Da wird dann eine kleine Richtigstellung schnell zur Besserwisserei erklärt, dem Verbreiter der „schlechten Stimmung“ Arroganz unterstellt.
Man sollte dennoch mit diesen „Fachleuten“ nicht allzu zu hart ins Gericht gehen. Letztlich sind ihre Beiträge ja meist als Meinungsäußerungen von mehr oder weniger beschlagenen Laien erkennbar, und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er ihnen Glauben schenkt oder nicht.
Deutlich problematischer allerdings Texte anerkannter „Experten“, wie jene Antworten auf „14 Fragen zur Süße eines Weines“, die ich jüngst in einem Blog lesen konnte. Da hieß es auf die Frage „Kann ein Wein überhaupt „trocken“ schmecken“, trocken bedeute, „Im Wein ist praktisch kein Zucker mehr gelöst“, was dem Freund gerade deutscher Weine natürlich überhaupt nicht weiterhilft, denn dem werden ja nicht selten unter der Bezeichnung „trocken“ Weine mit (bei entsprechender Säure) bis zu 9 g/l unvergorenem Restzucker angeboten, den man auch geschmacklich gelegentlich sehr deutlich wahrnehmen kann.
Und weiter geht es: „Was bedeutet halbtrocken?“ – „Der Wein enthält eine geringe Menge Zucker. Genau: zwischen 10 und 18 Gramm pro Liter. Die Süße ist jedoch kaum zu schmecken.“ Einmal abgesehen davon, dass der letzte Teil dieser Aussage auf den einen oder anderen halbtrockenen Wein durchaus zutreffen mag, enthält sie doch fast nur Unrichtiges. Die gesetzliche Definition von halbtrocken lautet auf 4 – 12 g/l Restzucker, und das ist die Regel. In Ausnahmefällen dürfen Weine bis 9 g/l bei entsprechend hohem Säuregehalt auch noch „trocken“ genannt werden, und Weine mit 12 – 18 g/l Restzucker können (!) bei ebenfalls ausreichender Säure auch noch als „halbtrocken“ deklariert werden. Eine Grenze von 10 g/l existiert überhaupt nicht, und die 18 g/l als Höchstgrenze gelten eben nur als Ausnahme.
Und so geht das munter weiter: Durchgegoren ist ein Wein der „keinerlei Zucker mehr aufweist“ – Richtig ist, dass ein kleiner, allerdings geschmacklich nicht relevanter Zuckerrest auch in durchgegorenen Weinen zu finden ist. Das kleine Wörtchen „fast (keinerlei Zucker)“ hätte aus diesem Satz eine für alle verständliche, richtige (!) Aussage gemacht.
So etwas wäre – ich wiederhole mich -, käme es von Weinfreunden, die ihr Wissen oder Halbwissen untereinander austauschen, nicht sonderlich ärgerlich, aber in diesem – wie anderen – Fällen stammt es aus der Feder renommierter Weinautoren. Dabei bedürfte es nur geringer Mühe – einmal in den Quellen, die jedem offenstehen, oder gar nur in den eigenen Notizen nachschlagen reicht meist! - und solche Fehler wären mit Leichtigkeit zu vermeiden. Statt dessen wird da schnell die Wüste Gobi zum potenziellen Weinbauland deklariert, die Rotweinbereitung als Prozess erklärt, bei dem – wie bei Weißweinen – der Saft zunächst von den Schalen und Stielen abgepresst wird, die ihm dann wiederum im Gärtank zugefügt werden …. und immer so weiter.
Handelte es sich in diesen Fällen um Wirtschafts- oder Politikberichterstattung, müssten die Herren Autoren, die so etwas verzapfen, wahrscheinlich mit raschen und deutlichen Abmahnungen rechnen. Nur beim Wein gilt, was mir einmal einer der berühmten Kollegen ins Notizbuch diktierte: „Es merkt ja eh keiner!“
Aha! Weil es also „eh keiner“ merkt, dürfen wir Unsinn schreiben, brauchen wir nicht zu recherchieren, sind Zahlen, Daten, Fakten für uns bedeutungslos? Wundern müssen wir uns angesichts dieser Haltung nicht, wenn unsere Arbeit als Weinautoren, als Weinkritiker immer weniger geachtet (und entlohnt!!) wird. Und dass keiner mehr teure Hochglanzrevuen kaufen will, wenn er den Käse, der in diesen immer häufiger verkauft wird, auch gratis in seinem „Social Network“ im Internet finden kann, muss dann wohl auch niemanden mehr wirklich erstaunen.
28. April 2009 um 16:11
So sind sie halt, die „Spinner mit ihren Blogs“.
1. Mai 2009 um 10:04
Sie sprechen mir aus der Seele!