Götterdämmerung für Weingurus – Gehört die Zukunft den singenden Weinhändlern?

 

Von Eckhard Supp – Dass Robert Parker, der amerikanische Weinguru mit ausgeprägter Vorliebe für Weine aus Bordeaux, aus Kalifornien und von der Rhône, in der Vergangenheit unumstritten gewesen wäre, würde wohl niemand zu behaupten wagen. Kritiker hatte der berümteste Weinkritiker der Welt zu allen Zeiten, aber oft vermischte sich die Kritik mit viel Neid, und das machte sie immer auch ein Stück weit unglaubwürdig, vergrößerte eher noch den Ruhm des Kritisierten.

Jetzt aber hat sich Robert Parker gleich zwei Mal derart in die Nesseln gesetzt, dass man berechtigte Zweifel daran haben darf, ob er noch in dieser Welt zu Hause ist und noch einen Rest Realitätsbezug besitzt. Er ist dabei, sich selbst zu demontieren, und das viel gründlicher, als es seine Kritiker je konnten. Götterdämmerung für den Guru, also? Nun, es könnte sogar noch schlimmer sein, und manch ein Beobachter der Weinszene spricht bereit von einer Götterdämmerung für die Weinkritik, den Weinjournalismus schlechthin.

Ganz besonders ein Vorfall hat jüngst Zweifel an Parkers Urteilskraft geweckt: die Veröffentlichung seiner Noten für den 2008er-Jahrgang im Bordeauxgebiet. Im Unterschied zu allen, aber auch wirklich allen renommierten Weinkritikern dieser Welt bewertete Parker diesen schwierigen, sehr heterogenen Jahrgang als durchweg außergewöhnlich und verteilte eine fast unglaubliche Anzahl Traumnoten, darunter gleich vier Mal bis zu 100 Punkte. Man braucht gar nicht Parkers direkte Konkurrenten zitieren, etwa James Suckling vom Wine Spectator, der dem 2008er explizit bescheinigte, kein großer Jahrgang zu sein – auch die Bordeauxspezialisten hierzulande, Mario Scheuermann oder andere, hielten viele der Parkerschen Bewertungen für nicht oder nur schwer nachvollziehbar.

Man ist versucht, zu glauben, dass es Parker mit seinen Bordeaux-Bewertungen gar nicht mehr um die Weine geht, sondern um Preispolitik, bei der er sich offenbar - wie in schon so vielen anderen Punkten – im Krieg gegen den feindlichen britischen Weinjournalismus sieht. Tatsache ist, dass die britische Presse schon lange vor den Primeurverkostungen des 2008ers gefordert hatten, die Preise für Bordeaux müssten runter. Und man darf vermuten, dass ihre Kritik an diesem Jahrgang ein Stück weit von dieser Forderung motiviert war: Für einen mickrigen Jahrgang zahlt der Konsument bekanntlich weniger als für einen großen. Parker, gar nicht dumm, setzte dann auf einen groben Klotz einen groben Keil, lobte den Jahrgang über den Klee, mit dem Resultat, dass nur Minuten nach der Veröffentlichung seiner Bewertungen die Preise zumindest für einige Blue-Chip-Weine nach oben schossen.

Was das – gemeint sind die preispolitischen Manöver beider Seiten, der Briten wie Parkers – noch mit Weinjournalismus zu tun hat, werden die Protagonisten dieses Halbstarkenkriegs der staunenden Weinwelt hoffentlich irgendwann einmal erklären können. Und wie all diejenigen, die jetzt auf Parkers Empfehlung hin teure 2008er kaufen, reagieren werden, wenn sie merken, vielleicht mit Zitronen gehandelt zu haben, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Vertrauen naiv –  Kontrolle „faschistisch“

Futter bekamen die Zweifler an der Parkerschen Grandeur aber noch von ganz anderer Seite: Tyler Colman alias Dr. Vino startete kürzlich eine Generalattacke auf den Guru, in der er ihm vorwarf, seine hehren ethischen Prinzipien  – „Ein Weinjournalist darf keine kostenlosen Muster akzeptieren, sich nicht ins Restaurant oder zu Reisen einladen lassen, und muss sämtliche Spesen immer aus eigener Tasche bezahlen“, so Parker - nicht einmal bei den Mitarbeitern seiner eigenen Publikation Wine Advocate durchhalten zu können, die solcher Art finanzielle Zuwendungen reihenweise akzeptierten. Die Reaktion Parkers auf die ruhig und sachlich vorgetragene Kritik war fast schon hysterisch: Er habe keine Ahnung, ob seine Mitarbeiter sich so verhielten, und hielte es auch für „faschistisch“ (wörtlich), sie diesbezüglich zu kontrollieren.

Stellt sich also die Frage, ob sich die Erfolgskurve des bekanntesten Weinkritikers der Welt langsam ihrem Ende zuneigt? Nicht zufällig hat die Online-Ausgabe des Wall Street Journal soeben in ihrem regelmäßigen ABC der aktuell wichtigsten Begriffe der Weinwelt das „Parker“ für den Buchstaben P gestrichen und dafür die Einträge „Dr. Vino“ und „Vaynerchuk, Gary“ (s. u.) neu aufgenommen. Demontiert sich der Guru aus Maryland vielleicht sogar selbst? Ohne großes Zutun seiner Gegner? Fast scheint es so, aber hinter diesem Krieg der Kritiker steckt eine andere, für alle bittere Wahrheit, die man besser versteht, wenn man sich einmal in den vielen Weingruppen und Diskussionsforen der Social Networks wie Facebook, LinkedIn oder Xing, auf Twitter und in der Blogosphäre umschaut.

Weinjournalismus und professionelle Weinkritik scheinen dort für viele Weinliebhaber zu etwas ziemlich Verzichtbarem geworden zu sein. Die Meinung des „buddy“ – und sei dieser nur eine persönlich gar nicht bekannte, „virtuelle“ Figur mit nettem Foto - zählt dort nicht selten viel mehr als die des Kritikers. Ja, sogar Winzer und Weinhändler, deren Urteil ja nicht eben unparteiisch oder uninteressiert ist, gelten gelegentlich als kreditwürdiger und kompetenter als professionelle Schreiber.

Stehen wir vor dem Ende der professionellen Weinkritik überhaupt? Und was kommt danach: Singende Weinhändler, dichtende Winzer? Ist Gary Vaynerchuk, jener Weinhändler, dessen Eigenwerbungs-Videoblog in den USA zur vielleicht erfolgreichsten Weinpublikation der letzten Jahre geworden ist, das Modell der Zukunft? Sind Journalisten out, Sommeliers, Händler, Erzeuger in, wenn es um Kompetenz und Urteilsfähigkeit geht?

Journalist oder Werber?

Tatsache ist, dass Eigenempfehlungen von Winzern und Weinhändlern, die per Blog, Twitter, Facebook oder Xing mehr oder weniger geschickt für ihre Produkte werben, derzeit offenbar höher im Kurs zu stehen scheint, als das, was die der Großteil der Weinschreiber von sich gibt – ganz gleich, ob er das in Printmedien, im Fernsehen oder im Internet tut. Und auch umgekehrt scheint es nur einen Weg zu geben: Es vergeht keine Woche, in der ich nicht zu hören bekomme, wenn ENO WorldWine eine (lohnende) Zukunft haben wolle, müsse ich auf unserer Seite Weine verkaufen, ergo selbst zum Weinhändler werden.

Nun könnte ich mir vielleichtvorstellen, Accessoires oder Weinreisen von Partnerunternehmen an meine Leser „weiterzureichen“ und fände es absolut korrekt und ethisch vertretbar, für diesen Service auch eine Provision zu kassieren. Aber Weine verkaufen? Oder mein Geld dauerhaft mit PR verdienen? Nein! Dann fände ich es ehrlicher, meine Arbeit einzustellen, zu akzeptieren, dass meine Informationen, meine Bewertungen und meine Analysen niemanden mehr interessieren und in Ruhe meine – zugegebenermaßen leicht verfrühte und nicht sehr hohe - Rente zu genießen.

Ganz unverschuldet sind wir dabei wirklich nicht in diese Situation geraten. Zu sehr haben wir uns darauf verlassen, dass die breite Masse der Weinfreunde wie vor zehn, zwanzig Jahren „an unseren Lippen“ hängt, nur das trinkt, was wir gut bewerten, wobei es letztlich nicht einmal sonderlich relevant war, ob dieses „wir“ auf den Namen Wine Spectator, Parker, Vinum, Weinwisser, Weinreporter oder Eno WorldWine hörte.

Vor zwanzig, dreißig Jahren, als die Älteren unter uns anfingen, über Wein zu schreiben (bei mir persönlich war es das Jahr 1979), ging es vor allem darum, den Weinfreunden die damals noch wenigen guten Weine im Meer der mehr oder weniger fehlerhaften bis untrinkbaren herauszupicken. In den Anfangsjahren des italienischen Weinführers Gambero Rosso, beispielsweise, in denen ich für die Region Venetien verantwortlich war, vergaben wir für ganz Italien weniger als 100 Mail die begehrten „drei Gläser“ – heute werden davon jedes Jahr mehrere hundert verteilt. Das mag man als übertrieben ansehen, aber es ist auch Ausdruck der Tatsache, dass das Weinangebot heutzutage von unendlich gleichmäßigerer Qualität ist als seinerzeit.

Aber, wie schon gesagt, diese Zeiten sind vorbei. Der Trend zu guten, aber preiswerten Weinen hat inzwischen selbst die USA erfasst, von Großbritannien und Deutschland ganz zu schweigen. Und diese guten, wenn auch nicht aufregenden Weine gibt es eben in einer solchen Menge, dass man schon Pech haben muss, will man wirklich schlechte Flaschen erwischen.

Aber nicht nur diesen Fehler haben wir in den letzten Jahren gemacht. Unsere Publikationen – Printmedien feste vorneweg! – sind schlichtweg langweilig und öde geworden. Wirkliches, lesenswertes Storytelling, stilistische Perfektion, medial transportierte Emotion, Einladungen zum authentischen Weinerlebnis sind in fast allen Medien immer seltener geworden oder gänzlich verschwunden. Und wenn ich an dieser Stelle „wir“ sage, dann meine ich das auch, wobei Online-Medien wie ENO WorldWine zumindest noch die gute (!) Entschuldigung vorbringen können, dass es ihre finanzielle Ausstattung im Unterschied zu den Printmedien nie erlaubt hat, große Sprünge zu machen.

Hat der Weinjournalismus eine Zukunft?

Die Konsequenzen aus alldem? Nun, über das Sterben der Printmedien im Weinsektor habe ich oft genug geschrieben. Den Online-Medien geht es aber auch nicht viel besser, und die meisten überleben nur dank geringer Fixkosten und jeder Menge kostenloser oder schlechtbezahlter Arbeit. Junge, wirklich junge Kollegen, die über Wein schreiben, gibt es in Deutschland kaum noch. Und das gilt nicht nur für Deutschland. In Großbritannien, dem Mutterland des modernen Weinjournalismus streicht eine Zeitschrift nach der anderen ihre Weinkolumne, die TV-Zeiten sind immer knapper bemessen.

Die Frage nach der Zukunft des Weinjournalismus ist gestellt. Wenn wir sie nicht beantworten, und zwar schlüssig und schnell, dann wird es unsere gesamte Sparte bald nicht mehr geben. Dann werden Weinhändler und Winzer die „Information“ der Kunden selbst in die Hand nehmen und diese in ihrem Sinne bearbeiten. Und ob das wünschenswert ist – für die Kunden! -  wage ich zu bezweifeln. Wie es Willi Klinger, der Chef der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft im Gespräch mit mir kürzlich formulierte: „Und wo kommunizieren wir dann unsere Weine?“ Ja, wo eigentlich?

Nachtrag vom 9.6.2009: Michael Pleitgen hat als Reaktion auf diesen Beitrag drei interessante Thesen aufgestellt:

 

- Wein-Medien und Journalisten sind an der aktuellen Situation nicht ganz unschuldig

- Veränderung im Weinmarkt bringt Wandel in der Kommunikation

- neue Geschäftsmodelle funktionieren noch nicht oder fehlen

 

Recht hat er!

2 Antworten zu „Götterdämmerung für Weingurus – Gehört die Zukunft den singenden Weinhändlern?“

  1. Iris sagt:

    Ein interessanter Artikel eines Ihrer belgischen Kollegen Hervé Lalau (Mitarbeiter bei In Vino Veritas u.a.) erschien gerade heute auf seinem Blog:

    http://hlalau.skynetblogs.be/post/7052731/de-linfluence-des-journalistes-du-vin-sur-la-

    untermauert von Ergebnissen einer Umfrage, die zwar schon von 2006 stammt, deren Ergebnisse sich aber inzwischen nur akzentuiert haben dürften…

    Dass gerade Winzer inzwischen die Kommunikation, auch dank der Einfachheit des Zugriffs auf die Kommunikationsmittel des in Deutschland so gerne diskutierten WEB 2.0 selbst in die Hand nehmen können, ist für mich als Kleinstproduzentin, die sich keine Anzeigen zu begleitenden Publi-Reportagen leisten könnte, Journalisten nur eine gute Story, einen herzlichen Empfang, aber keine Reisekosten- und Hotelerstattung anbieten kann, ein großes Glück.

    Dass dem Leser dabei klar ist, dass ich ihn auch gerne als Kunden für meine Weine gewinnen möchte, ist ja für die Transparenz kein Schaden. Dass mir dabei klar ist, dass er keine zweite Flasche kaufen wird, wenn ihm der Inhalt der ersten nicht schmeckt, egal wie „schön“ ich über meinen Altag und meines Passion für Reben und Wein schreibe, versteht sich auch von selbst.

  2. egghat sagt:

    Spannender Artikel.

    Das Problem ist am Ende wahrscheinlich einfach, dass Wein am Ende eben doch Geschmacksache ist. Ich erinnere an diverse Tests, wo komplett blind vertestet wurde und auf einer Skala nicht einmal statistisch signifikant der gute vom schlechten Wein unterschieden werden konnte. In dem Thema ist so viel Subjektivität drin, dass man da zwar lange drüber diskutieren kann, aber doch zu keinem Ergebnis kommen wird.

    Das andere Problem ist natürlich, dass man ohne Hilfe in dem Markt bei der Auswahl nicht weiter kommt. Wenn mich nicht irgendjemand an die Hand nimmt und mir mal 5 Weine zum Verkosten gibt und ich sage, hmmm der und der schmeckt mir und der und der nicht, und mir dann 5 weitere gibt, die in die Richtung der „schmeckenden“ geht, bin ich doch hoffnungslos überfordert. Nur warum soll die Rolle, die im realen Leben mein Weinhändler spielte, nicht auch im Internet ein Händler spielen?

    Wenn mir der empfohlene Wein zwei, drei Mal nicht schmeckt, geh ich woanders hin. Ich habe auch schon 92-Parker-Punkte-Weine getrunken, die für mich persönlich nicht gegen (setzen Freaks) 5 Euro Weine von Rossmann ankamen. Oder 88-Punkte-Weine, die ich toll fand.

    Der Weinjournalismus macht glaube ich einen Fehler, wenn er versucht, zu objektiv zu sein. Preist den Wein. Preist den Genuss! Stellt die Macher vor. Erzählt mir über Weine, die sich lohnen, probiert zu werden. Sagt mir, wo ich die Weine kaufen kann. Verdient von mir aus an den Partnerprogrammen mit, solange es transparent ist.

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