Von Eckhard Supp – Jetzt hat der Krisenvirus in der Weinbranche offenbar auch Publikationen erwischt, von denen man bisher hoffen konnte, sie seien weitestgehend immun. Mit Schreiben vom 8. Juni d. J. hat der Christian Verlag die deutschen Weinerzeuger darüber informiert, dass die paradiesische Zeit des „Alles umsonst“ bei seinem Weinführer Gault-Millau Deutschland vorbei sei. Auch in Zukunft will man zwar – im Unterschied zu vielen anderen Publikationen und Verlagen - keine Gebühren für die Anstellung von Weinen zu den Verkostungen verlangen, lässt sich aber die kommerzielle Nutzung von Bewertungen, Logos, Markennamen und Texten durch die Erzeuger mit einem jährlichen Pauschalbetrag vergüten.
Der Schritt hat in der deutschen Winzerschaft einige Aufregung verursacht, und sogar wir, die wir mit dem Gault-Millau gar nichts zu tun haben, erhielten erboste Mails mit Hinweisen auf diesen „Skandal“, diese „Bettelei“, wie es explizit genannt wurde. Gelegentlich waren die Mails sogar anonymisiert, da man aus “Angst vor einem Abstieg (den) echten Namen nicht nennen“ mochte. Werner Elflein geht hier… ebenfalls darauf ein.
Ein wenig perplex war ich ob dieser Stellungnahmen und der gezeigten Aufregung schon: Offenbar ist ein (kleiner, großer?) Teil der Winzerschaft der Meinung, dass Copyright-Diebstahl und Markenmissbrauch, den sie ansonsten sicher heftigst verurteilen würden (deutsche Winzer sind bekanntermaßen ziemlich konservativ
), in genau diesem, und natürlich nur diesem Falle etwas völlig Legitimes seien, und man klagt implizit sogar ein Recht darauf ein. Wenn ein Verlag es dann, nachdem er diesen Missbrauch jahrelang geduldet hat, wagt, damit Schluss zu machen, gilt das diesen erfolgsverwöhnten Herren als Skandal.
Aber: Von einem ihrer (als Journalist verkleideten) Kollegen – dem Regionalvorsitzenden eines privaten Winzerverbands – über Jahre hinweg in diesem „Weinführer“ bewertet zu werden, fanden dieselben Herren dagegen offenbar völlig normal. Dass hier die Grundsätze des Journalismus, so wie sie der Deutsche Presserat für alle verbindlich festgelegt hat, jahre- und jahrzehntelang mit Füßen getreten wurden, das war ihnen egal. Hauptsache es sprangen immer schöne Texte und viele Punkte für sie dabei heraus, und – noch wichtiger – das Ganze kostete nichts!
Dabei habe ich allerdings auch Zweifel, ob der Weg, den der Christian Verlag eingeschlagen hat, der angemessene ist, wobei klar ist, dass auch ENO WorldWine auf die finanzielle Unterstützung der Weinbranche angewiesen ist. Die zu mobilisieren ist und war immer ein haariges Unterfangen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen (inzwischen verstorbenen) Winzer, der mir vor Jahren, bei der versuchsweisen Einführung eines kostenpflichtigen Abonnements für ENO WorldWine, in drastischen Worten zu verstehen gab, unsere Publikation habe gefälligst für die Leser (wie beispielsweise ihn selbst) kostenlos zu bleiben! Gefragt, ob er uns denn dann mit Anzeigenschaltungen unterstützen würde, antwortete er gar nicht mehr. Auch unser Vorschlag, er möge dan doch in Zukunft auch seine Weine kostenlos an den Konsumenten abgeben, stieß – verständlicherweise – auf taube Ohren.
Dennoch halte ich den Weg, den ENO WorldWine eingeschlagen hat, für den besseren: Die Finanzierung von Weinmedien sollte immer etwas Freiwilliges bleiben, ganz gleich, ob sie als Anzeigenschaltung oder Spende daher kommt, vielleicht sogar in Form einer Stiftung organisiert wird, und nicht den Charakter einer neuen Zwangsabgabe annehmen.
Allerdings, das muss ich nach meinen Erfahrungen der letzten 30 Jahre auch feststellen: Es könnte durchaus sein, dass der Christian Verlag mit seinem Gault-Millau und der neuen „Zwangsabgabe“ mehr pekuniären Erfolg haben wird, als wir in den langen Jahren, in denen wir ENO WorldWine veröffentlichten und um freiwillige Unterstützung nachgesucht haben. Offenbar „funktioniert“ die deutsche Winzerschaft nur, wenn man ihr offen und dreist die Pistole auf die Brust setzt.