Von Eckhard Supp – Eigentlich hat der Name ja mit extrem und hart gar nichts zu tun, obwohl das Klima einen solchen Zusammenhang nahelegen würde - 37 Grad im Schatten sind bei einer Weinreise wirklich kein Pappenstiel. Richtig übersetzt bedeutet Extremadura allerdings “jenseits (extrema) des Duero (dura)” und bezieht sich auf eine alte Dichotomie in der spanischen Geographie.

El Toril vor den Toren Méridas (Fotos: E. Supp)
Nur zu dritt, aber zeitweise von sechs Begleitern umgeben, waren wir auf unserer Erkundung (Die Verkostungsergebnisse finden Sie hier… ) dieser weithin unbekannten Weinregion im Südwesten Spaniens, knapp 200 Kilometer nördlich von Sevilla und ebensoweit östlich von Lissabon, unterwegs, aber das tat unserer Neugier und Abenteuerlust keinen Abbruch. Unbekannt, das bezieht sich vor allem auf den Status der Weine hierzulande, denn nur ein winziger Teil der Produktion wird nach Deutschland exportiert – von der Gesamtproduktion landen noch immer 20 % in der Destillation, und der Export wandert zum größten Teil im Tank in Richtung Portugal. Andere Produkte des Landes, wie zum Beispiel die berühmten Schinken vom eichelfressenden Iberico-Schwein, können da schon mit wesentlich mehr Renommee aufwarten.
Kein Wunder also, wenn die drei Tage in der Extremadura voll waren mit Klagen der Winzer und Exportmanager über den schleppenden Export und die knallharten deutschen Importeure, die an Weinen der Preisklasse 1 – 1,50 EUR/l (ab Gut) durchaus Interesse zeigen …. vorausgesetzt, der Erzeuger senkt den Preis auf 0,70 EUR/l oder noch weniger. Entgegenzusetzen hat man solchem Ansinnen hier allerdings nichts, denn, wie schon gesagt, die Extremadura ist (Wein)Niemandsland: ohne klares Geschmacksprofil der Weine, (fast) ohne wirkliche Spitzqualitäten, ohne Image … und auch ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft?
Optimismus und Investitionslaune
Eigentlich hatte das alles sehr vielversprechend angefangen. Es ist noch keine 10 Jahre her, da flog ich von Madrid aus zurück nach Frankfurt, heftigst in die Tasten des Computers hauend, um meine Verkostungsergebnisse der Reise noch vor der Landung abspeichern zu können. Rechts neben mir ein Herr, der ebenso emsig schrieb, und, wie es nicht ausbleiben konnte, schielte bald der eine, bald der andere auf den Bildschirm des Nachbarn. Die Frage “Are you in the wine business, too?” bejahte ich brav, und es stellte sich heraus, dass ich neben dem bekannten australischen Agronomen und Weinbauberater Richard Smart saß, der gerade von einer ausgiebigen Tour bei seinen spanischen Kunden nach Hause flog. La Mancha und die Extremadura, so seine Prophezeihung, die mir noch heute im Ohr klingt, seien die Namen, die ich mir merken müsse. Das seien die Regionen, aus denen in spätestens 10 Jahren die besten Weine der Welt kommen würden, die hätten Potenzial, und hier würde massiv investiert.

Palacio Quemado in der Nähe von Almendralejo
Es war die Zeit der großen Finanzinvestitionen … auch in der Extremadura, in der 1999 gerade die Herkunftsbezeichung Ribera del Guadiana eingerichtet worden war. Die Früchte dieser Aufbruchstimmung sind noch heute überall im Land zu sehen: große Kellereien, teilweise überdimensioniert, misst man sie an den aktuellen Produktionszahlen, riesige Rebflächen, zu zwei Dritteln mit Tempranillo bestockt – auch das eine Empfehlung des smarten Smart -, und gigantische Genossenschaftstanks, von denen man nicht genau weiß, was und in welcher Qualität sich in ihnen verbirgt.
Weithin aber, so hat man heute den Eindruck, ist es bei diesen initialen Investitionen geblieben, ist der Elan verflogen, haben Anstrengungen, wirklich hochwertige, auf den internationalen Märkten erfolgreiche Weine zu erzeugen, Seltenheitswert. Das fängt bereits bei der dankenswerterweise von den Weinbauverantwortlichen der Region für uns organisierten großen Verkostung an. Etwas Licht und viel, viel Schatten, so könnte man das Ergebnis zusammenfassen, und ich musste wirklich tief in meinem Gedächtnis kramen, um mich an eine ähnlich problematische Gesamtverkostung von Weinen einer Region zu erinnern.
Sprunghafte Qualitäten
Dabei wäre es unangemessen und falsch, zu behaupten, man hätte uns nur schlechte Weine vorgesetzt. Einige der Weißen und Roten waren, misst man ihre Qualität an ihrem extrem niedrigen Preis ab Weingut, sogar ausgesprochen angenehm zu trinken, süffig, gefällig. Aber auch die Weine, die nicht, wie so viele, deutlich fehlerhaft daherkamen, litten allesamt unter einem deutlichen Mangel an erkennbarer Typizität, an Ausdruck und an Charakter.
“Wie muss denn ein roter Ribera del Guadiana riechen und schmecken”, fragte ich unseren Gesprächspartner bei Palacio Quemado wenig später, was diesen zu längerem Nachdenken und dann zur Antwort veranlasste, er habe keine Ahnung, da sollten wir besser den Weinmacher fragen, der aber leider nicht da sei.
Nicht einmal hinsichtlich der Sorten, die sich in dieser Gegend für große Weine eignen, herrscht Einigkeit unter den Machern. Während zwei Drittel der Rebfläche mit Tempranillo bestockt sind, erklärte uns Yolanda Piñero (Viña Santa Marina), frei von der Leber, sie hielte gar nichts von Tempranillo und sei davon überzeugt, dass in diesem heißen, trockenen Klima Cabernet Sauvignon am besten gedeihe. (….. Das hat aber jetzt wirklich niemand gelesen, denn sonst bekommt die sympathische Yolanda noch Schwierigkeiten mit den Offiziellen der Region.)
Ähnlich das Bild bei den weißen Sorten, die früher einmal den Rebenbestand in dieser Region dominierten. Oft werden sie reinsortig gefüllt, obwohl jede einzelne von ihnen zwar interessante Geschmacksaspekte mitbringt, alle aber auch an großen geschmacklichen Defiziten leiden, die vielleicht durch einen Verschnitt mit den anderen zu kompensieren wären.
Auf der Suche nach der neuen Zeit
Immerhin, auch wenn es den meisten in der Region nicht in den Kram passen mag, zeigte ausgerechnet die “untypische”, antiautoritäre Yolanda, welches Potenzial tatsächlich in der Extremadura steckt. Aus ihrem Cabernet Sauvignon (im Verschnitt mit Syrah) keltert sie den einzigen wirklich hochwertigen Wein von internationalem Format (Miraculus), den wir während der Reise verkosten konnten, wobei korrekterweise ergänzt werden muss, dass auch ihr Tempranillo Torremayor nicht wirklich schlechter ist. Es geht also doch!
Was hier Not täte, wäre ein klarer, auf mindestens 10 Jahre konzipierter Marketingplan, der mit der Identifikation der besten Sorten, idealtypischer Verschnitte und geeigneter Weinbergs- und Kellertechniken beginnt und dann über das Identifizieren von Winzern und Weinen mit Kultpotenzial sowie über eine lang angelegte internationale Image- und Werbekampagne die Kunde von den neuen Spitzenweinen der Region in die Welt trägt.
Nur dann, wenn es die Erzeuger schaffen, ihren Weinen ein klares Profil zu geben und ein international konkurrenzfähiges Topsegment zu kreieren, hat der Weinbau der Extremadura wirklich eine Chance jenseits des deprimierenden Schicksals von Destillation und Fassweinverkauf. Einige in der Region scheinen an einer solchen langen, harten Arbeit interessiert – die Frage ist, ob sie sich gegen das allgemeine Laissez-faire durchsetzen können.