Unser Gastbeitrag – Angelo Gaja zur EU-Weinmarktordnung

 

Wie immer, wenn die EU regulierend in historisch gewachsene Ordnungssysteme eingreift, sind viele schnell mit einer pauschalen Verurteilung bei der Hand. Aber ist an der neuen Weinmarktordnung wirklich alles so schlecht? Italiens Starwinzer Angelo Gaja zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild der neuen Regelwerke.

 

Von Angelo Gaja - Wie soll man die neue Weinmarktordnung bewerten? Ich versuche es einmal mit Noten. Eine Eins gebe ich dabei für die Pünktlichkeit. Allen Zweiflern zum Trotz, die meinten, es würde sicher wieder einen Aufschub geben, verabschiedete die Landwirtschaftskommission der EU pünktlich zum 1. August 2009 die Reform der EU-Weinmarktordnung.

Um die Bedeutung dieser Reform zu begreifen, muss man sich das bisherige System der EU-Landwirtschaftsförderung vergegenwärtigen: Über 75% der für den Weinbereich reservierten Ressourcen wurden allein für die Vernichtung der Überproduktion verwendet. Eine Überproduktion, die mitunter bewusst erzeugt worden war.

Alle Staaten der Union mussten zur Finanzierung dieser Kosten beitragen, weshalb vor allem Großbritannien unter der Regierung Blair gegen diese Verschwendung Sturm gelaufen war und die Halbierung der Beiträge verlangt hatte. Brüssel nutzte die Gunst der Stunde und arbeitete eine grundlegende Reform des Systems aus. Eckpunkte waren dabei die Harmonisierung des Marktes und das Einstellen der Förderung von Überproduktion. Eine Eins gibt es deshalb auch für die Abschaffung der Fördermittel zur Vernichtung der Überproduktion.

Für die Prämien bei Stilllegung von Rebflächen geben ich eine Drei, genauso wie für die Einschränkung des Aufzuckerns, nachdem es kurze Zeit so ausgesehen hatte, als ob dieses vollständig verboten würde. Eine Zwei gibt es für das sukzessive Reduzieren der finanziellen Unterstützung für rektifiziertes Traubenmostkonzentrat (RTK).

Die frei werdenden Ressourcen sollen für Werbung und Promotion des europäischen Weines auf außereuropäischen Märkten verwendet werden. Weil dafür allerdings keinerlei Kontroll- und Aufsichtsinstanzen vorgesehen sind, gibt es hierfür nur die Note sechs. Wir können nur hoffen, dass man aus der Verschwendung der Vergangenheit etwas gelernt hat.

Am Verhandlungstisch in Brüssel machten alle Mitgliedsstaaten ihre Stimme geltend, auch diejenigen, die keinen Wein, dafür aber umso mehr Spirituosen erzeugen. Die Spirituosenerzeuger nehmen in den Ländern Mittel- und Nordeuropas eine bedeutende Position ein und versuchen zunehmend, mit ihren Investitionen auch in der Weinbranche Fuß zu fassen. Sie vor allem sahen ihre Chance gekommen und schlossen sich mit denen zusammen, die hinter vorgehaltener Hand schon seit längerem für eine komplette Liberalisierung des Marktes eingetreten waren. So kam es zur Übereinkunft, eine Reihe von Beschränkungen und Hindernissen bei der Weinbereitung abzuschaffen und die Liste der zulässigen Verfahren zu verlängern. Dafür kann ich nur die Note fünf geben.

Daran, dass wir jetzt den Preis einer zu starken Liberalisierung bezahlen müssen, sind allerdings die traditionell weinproduzierenden Staaten, allen voran Frankreich, Italien und Spanien, nicht ganz unschuldig. Die drei glaubten, ihr übliches Spiel spielen zu können, wenn sie nur geschlossen aufträten: Ich geb‘ dir dies, du gibst mir das. Dabei unterschätzten sie allerdings das politische Gewicht, das die „Spirituosen“länder der EU inzwischen besitzen.

Das eben ist unser gemeinsames Europa: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass in Zukunft die Belange des Weinbaus nicht mehr allein von Frankreich, Italien und Spanien bestimmt werden.

Es lebe Europa!

Lange Zeit wurden die Bemühungen der EU milde belächelt und mit Sarkasmus abgetan. Sollten sich doch die Bürokraten in Brüssel den Kopf zerbrechen über Länge und Kurvenradius von Bohnen, über die korrekte Farbe von Eierschalen, über Form und Größe von Tomaten, wodurch sie bestimmen wollten, was handelsfähig ist und was nicht. In den Produktionsländern fern von Brüssel kümmerte man sich wenig darum. Die am 1. August eingeführte Weinmarktordnung hingegen ist eine echte Reform, die sich an der öffentlichen Moral und am guten Willen orientiert – heute leider allzu seltene Güter. Sie setzt einen Schlussstrich unter dreißig Jahre Verschwendung öffentlicher Gelder.

Alleine hätten die Weinländer diese Reform nie geschafft, sie gelang nur dank der Länder Nordeuropas. Ein weiterer guter Grund, als Europäer stolz zu sein!

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