Von Eckhard Supp - Dieser Tage stieß ich im Internet (auf decanter.com) auf eine sensationell klingende Meldung: „US geologists challenge ‘gout de terroir’“, US-Geologen stellen Terroirgeschmack in Frage. In dem Artikel hieß es, Wissenschaftler im US-Staat Oregon hätten behauptet, dass es so etwas wie einen Terroirgeschmack nicht gebe, wobei die von decanter.com zitierte Fragestellung ihrer Studie schon recht merkwürdig klang: „Im Rahmen einer Studie von Weinbergsböden haben Geologen, die zur diesjährigen Jahrestagung der Geological Society of America in Portland (Oregon, d. Red.) zusammenkamen, festgestellt, dass der Terroirgeschmack – wörtlich übersetzt als „Bodengeschmack“ – vermutlich nicht durch die Mineralien im Weinberg verursacht wird.“
„Goût de terroir“ = Bodengeschmack? So jedenfalls wird der Begriff nicht nur in den USA, sondern häufig auch in Deutschland und nicht selten sogar unter Frankreichs Winzern selbst übersetzt bzw. erklärt. Schon diese Ausgangshypothese ist dabei kompletter (sprachlicher) Käse. Zwar findet man in dem einen oder anderen Wörterbuch eine Übersetzung vom Stil „terroir“ = Boden, aber ein Blick in die französischen Kompendien – und die sollten es wissen – belehrt schnell eines Besseren. Der Larousse Französisch-Englisch beispielsweise, den ich als erste Quelle im Internet fand, gibt für „terroir“ zwei Bedeutungen: Region und Land, im Unterschied zur Stadt. Mein kleiner Pons Französisch-Deutsch kennt sogar nur eine einzige Bedeutung: Gegend.
Schaut man sich an, wie die Franzosen den Begriff „terroir“ benutzen, so zeigt sich, dass er viel weiter, viel metaphysischer ist, als es die Übersetzung Boden wiedergibt. Wenn es um den Bedeutungsblock Land/Landwirtschaft geht, dann meint „terroir“ eben nicht den (nackten) Boden als chemisch-physikalisches Phänomen, das ist eher die „terre“, sondern dessen landwirtschaftliche Qualität und Eignung – so schon nachzulesen in Diderots Enzyklopädie: „TERROIR, s. m. (Agricult.) terrein, ou espace de terre considéré selon ses qualités“. Das „terroir aride“ bezeichnet also viel mehr die (generell) trockene Gegend als das (vielleicht nur momentan) trockene Stückchen Erde unter unseren Füßen. Wie das „territoire“, das Territorium, d.h. das zu einer Stadt gehörende Ackerland, stammt „terroir“ zwar von der lateinischen “terra“ (Erde, Land) ab, aber der Suffix „-orium“ (im Französischen „-oir(e)“) ist eben nicht bedeutungslos, wie es die Gleichsetzung „terroir“ = Boden unterstellt.
Heimatgeschmack, nicht Bodengeschmack
„C’est un écrivain du terroir“ bedeutet, dass ein Schriftsteller in seiner Region, seiner Heimat verwurzelt ist, in gewissem Sinne also ein Heimatdichter („poète du terroir“) ist, und wenn einer seinen „accent du terroir“ behalten hat, dann kann er die Sprachmelodie seiner Heimatregion nicht verleugnen. Die „traditions du terroir“ sind ländliche Bräuche, nicht etwa Bodentraditionen, und unser „goût de terroir“ wird vom Larousse ausdrücklich als figurativer Ausdruck bezeichnet: Der Bodengeschmack ist also viel eher ein Heimat- denn ein Bodengeschmack, und damit sind wir der Sache jetzt endlich ein Stück näher gekommen.
Ein französisches Weinmagazin hat „terroir“ einmal so definiert: Es sei „die Summe der natürlichen und kulturellen Parameter, die die (geschmackliche, d. Red.) Identität eines Produkts ausmachen … Es beinhaltet nicht nur geographische, geologische, vegetative und klimatische Aspekte, sondern wird auch von der Art bestimmt, wie der Mensch seine Umgebung wahrnimmt, im Gedächtnis speichert und von Generation zu Generation weitergibt.“ In der modernen Marketingsprache würde man wohl sagen, Terroir ist die an bestimmte Orte (Herkunftsbezeichnungen, Weinbergslagen oder -parzellen) gebundene geschmackliche USP (Unique selling proposition) bestimmter Weine, das also, was den Wein zu etwas geschmacklich Unverwechselbarem, Besonderem macht.
Wer behauptet, Terroirgeschmack bedeute, dass der Wein nach dem Boden schmecke, der muss schon ein arger Tölpel sein. Denn zu den natürlichen Faktoren, die in die Konstitution des Terroirgeschmacks eingehen, das wird gerne vergessen, gehört ja nicht nur die chemische Bodenzusammensetzung, sondern beispielsweise auch die physische Konstitution und das mikrobiologische Profil einer Weinbergslage. Unsere tapferen amerikanischen Geologen haben also in ihrer bizarren Forschungshypothese ungewollt fast Recht gehabt: Wenn „terroir“ nicht der Boden ist, dann kann ein Wein mit „goût de terroir“ natürlich auch keinen Bodengeschmack zeigen. Dass sie etwas bewiesen haben, was kein ernster und sachkundiger Mensch (hoffentlich) je behauptet hat, mag man ihnen somit als Verdienst anrechnen.
Wobei sie mit dieser „Beweisführung“ keinesfalls die ersten waren. Ich erinnere mich an eine Versuchsreihe, die vor vielen Jahren in Franken durchgeführt wurde. Dort platzierte man Container mit unterschiedlichen Böden in derselben Weinbergslagen und bestockte sie mit Setzlingen derselben Rebsorte. Aus der Tatsache, dass nach dem Vinifizieren der ersten Ernte(n) keine geschmacklichen Unterschiede zwischen den Weinen feststellbar waren, hatten die tapferen Franken schon damals geschlossen, so etwas wie Terroirgeschmack (Bodengeschmack) im Wein könne es nicht geben. Recht hatten sie – im Sinne der falschen Terroirdefinition! Nur dass auch bei Ihnen das Verdikt meines alten Deutschlehrers gegriffen hätte: Thema verfehlt!
29. Oktober 2009 um 15:13
Geologen haben sicher eine andere Definition von Terroir als Weinmarketer. Nicht mal Winzer verwenden den Begriff einheitlich. Das oben zitierte „terroir“-Magazin trifft es auf den Punkt. Übrigens: Ich habe den Decanter-Artikel so verstanden, dass man Mineralien, nicht herausschmecken kann. Den Rest finde ich hinein interpretiert. Gruß Antje
29. Oktober 2009 um 15:55
Die Recherchen und Aussagen zum Thema Terroir sind anerkennenswert, nur leider ebenfalls Themaverfehlung! Im Orginalskript der Geologen geht es um Mineralität…
http://michael-liebert.de/weintipps/mineralischer-wein-alles-humbug/
29. Oktober 2009 um 16:04
Antje, die Substanz der erwähnten Studie ist genau die, dass die Forscher nur herausgefunden haben, dass man Mineralien, also die chemische Zusammensetzung des Bodens, nicht herausschmecken kann – und das wird so manchem Winzer, der bislang stolz auf seinen „Schiefer-“, „Mergel-“ oder „Kalksteingeschmack“ war, bestimmt nicht schmecken. Erst über die Gleichsetzung Boden=Terroir wird daraus die in decanter.com und anderen Quellen zitierte (?)/hineininterpretierte (?) Aussage, die den Terroircharakter insgesamt in Frage stellt.
Übrigens haben Geologen gar keine eigene Definition von Terroir – auch die von Oregon beziehen sich nur auf die im Weinbau leider weit verbreitete(Terroir=Boden). Und Weinmarketer haben, mit Verlaub gesagt, in der Regel nicht nur keine eigene Definition, sondern schlicht von Tuten und Blasen keine Ahnung.
Übrigens zieht die amerikanische „Terroir“kritik bereits weitere Kreise: Auf der italienischen Seite vino24.tv lese ich gerade „Il terroir di un vino non esiste“ (Beim Wein gibt es kein Terroir), und der verunsicherte Autor beklagt, die Studie der Amerikaner stelle jetzt alles in Frage, was er in seiner Sommelierausbildung gelernt habe.
Merkwürdigerweise ist er durchaus in der Lage, eine korrekte Definition von Terroir zu geben (bestimmtes Geschmacksprofil, das durch bestimmte natürliche, technische und kulturell-historische Einflüsse entsteht), lässt sich aber dann wieder auf die „offizielle“ Sommelierdefition, nach der beispielsweise die Mineralität eines Weins (ein Typ von Terroirgeschmack) durch die pedoklimatische (Boden und Klima) Standortbedingungen hervorgerufen werde.
29. Oktober 2009 um 16:16
Herr Liebert,
danke für den Hinweis. Leider bringen Sie auf Ihrer Seite auch nur den Link zu einer Zusammenfassung des Berichts von Alex Maltman, dem Autor der Studie, nicht zu dessen Bericht, wie Sie fälschlich schreiben, oder gar zur Studie selbst. In dieser Zusammenfassung ist tatsächlich nur von Mineralität die Rede, in anderen Quellen (z. B. seattlepi.com) wird berichtet, dass die Forscher durchaus auch von Terroir sprachen.
Der zugrundelegende Irrtum, den die US-Forscher ja durchaus richtig ausräumen (wenn auch nicht als erste, wie es ihnen vielleicht gerne gefallen hätte), wie ich in meinem Artikel schrieb, ist der, man könne irgendeinen Bodentyp (mineralisch oder nicht), im Wein „direkt“ und wiedererkennbar herausschmecken.
29. Oktober 2009 um 16:27
Dazu einer der Teilnehmer der Conference, der bei Dr. Vino zu Wort kommt:
„Yes, I was at the meeting (a very good session in my opinion) and gave two talks. Even what I said was taken out of context in the AP story as was much of everything else. There was no ‘debunking’ only good debate about the relationships between climate, landscape, soil, and the vine. The take home was that it clearly is a non-linear issue that we know virtually nothing about, but that the use of terms like ‘minerality’ are over-done and have no connection or basis for being derived directly from some mineral aspect in the soil. It never stated that soil has no impact on wine, to the contrary the take home for me confirmed what I truly believe … that geology, landscape, and soil are important factors that mediate the interaction between climate and the vine…“
Mir scheint so, dass die Konferenzteilnehmer durchaus wussten über was sie diskutieren. Es ist halt nur wieder interessant, was Journalisten und Nachrichtenagenturen daraus machen…
29. Oktober 2009 um 17:09
… auch beim Begriff der Mineralität, einem der schwammigsten der Weinsprache überhaupt, hätte es gereicht, wenn die gelehrten Herren einmal all die feinen und unfeinen Definitionen, die davon existieren, untereinander geschrieben hätten. Dann hätten sie sich nämlich ihre Studie bestimmt gespart.
Da wird beispielsweise behauptet, Mineralität bedeute, dass ein Wein nach Mineralien rieche (Welche sollen das sein? Und wie riechen die?) oder dass er salzig schmecke (Als ob alle Mineralien salzig schmeckten!) ….
Die Mineralität von Weinen hat dabei nicht einmal in den Augen der Mehrheit derer, die sie in der Weinbeschreibung verwenden, etwas mit Mineralien zu tun, und ich glaube, dass meine alte Definition von mineralisch und Mineralität per „Ausschlussverfahren“ die Sache immer noch ganz gut trifft: „… ein viel verwendeter, aber nur schwer zu fassender Begriff der Weinansprache für den Duft und/oder Geschmack von Weinen, die Assoziationen nach Granit, Schiefer oder Vulkangestein hervorrufen, ohne dass diese Gesteine wirklich riechen oder schmecken würden. Man spricht auch von der Mineralität von Weinen. Sie wird meist als Abwesenheit eines markanten Fruchtcharakters oder ausgeprägt terziärer Aromen (Leder, Teer etc.) definiert, in Abgrenzung von üppigen, schweren Weinen, wie sie vor allem aus den Ländern der Neuen Welt kommen, auch als Eleganz und geschmackliche Feingliedrigkeit.“
29. Oktober 2009 um 17:55
… und noch eines, Herr Liebert, alle Missverständnisse immer nur auf die tumben Journalisten und Nachrichtenagenturen zu schieben, ist einigermaßen billig. Immerhin wird in den Medien, die direkt von der Konferenz berichteten, ausführlich zitiert. Zum Beispiel: „When people talk about terroir, it all sounds very fancy and all very marvelous and it makes it sound like we really know something. But I guarantee you, we know very little,“ said Jonathan Swinchatt, a geologist and consultant to several high-end California vineyards.“
Also war doch von Terroir die Rede? Oder ist auch dieses Zitat eine reine Erfindung der Journaille?
29. Oktober 2009 um 19:16
Hier mal vorweg, ich freu mich immer, mit Ihnen zu debattieren… Wenn man sich die Themen des Tages ansieht war wohl von etlichen Facetten des Begriffs Terroir die Rede. Also genau in dem von Ihnen angesprochen Sinne, als Summe von vielen Faktoren…
http://gsa.confex.com/gsa/2009AM/finalprogram/session_24243.htm
2. November 2009 um 11:03
Zum gleichen Thema bei uns, incl Diskussion:
http://www.captaincork.com/Terroir-Geschmack-Kontroverse
2. November 2009 um 17:55
Hallo, vielleicht bin ich dann ja hier mit meiner Frage richtig: Heißt es wirklich Mineralität? Oder hat sich da mal wieder ein Anglizismus verdeutscht (Minerality = Mineralität) und eigentlich müsste es Mineralik heissen? Die ganze Frage habe ich mal in meinem Blog gestellt, aber nie eine Antwort erhalten: http://schnutentunker.wordpress.com/2009/08/11/majestatische-paritat/
Ich wäre zutiefst dankbar für einen Hinweis auf die Regel.
2. November 2009 um 19:50
Gute Frage, auf die meine diversen Wörterbücher allerdings keine Antwort geben. Übrigens nicht nur im Deutschen (Duden, Duden Fremdwörterbuch etc.), sondern auch im Englischen (Oxford Concise, Oxford Englisch-Deutsch) und im Italienischen (Der Große Zingarelli) existieren die Begriffe Mineralik oder Mineralität offiziell nicht (!!!).
Es handelt sich wohl in allen Fällen (Sprachen) um ein dem Weinmilieu eigenes Kunstwort aus Mineral, mineralisch, das hier eine (wie auch immer definierte) mineralische Eigenschaft von Weinen beschreiben soll.