Luxus und Kult – Widersprüchliches aus dem Hause Penfolds

Von Eckhard Supp - Die Kulisse konnte spektakulärer nicht sein, und das Wetter spielte, trotz der schon recht niedrigen Oktobertemperaturen, ebenfalls mit. In Stockholms Opernrestaurant, sonniger Blick auf das Schloss des Schwedenkönigs, die Parkanlage des Kungsträdgården und die noblen Hotels der „Waterfront“ der Södra Blasieholmshamnen inklusive, hatte Australiens Kulterzeuger Penfolds zur Recorking-Clinic geladen.

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Peter Gago (li), Chefönologe von Penfolds, beim Evaluieren der
Flaschen eines Sammlers im Stockholmer Opernrestaurant.

Penfolds Recorking-Clinic ist eine schon fast legendäre Institution, bei der in den letzten beiden Jahrzehnten weltweit schon mehr als 90.000 Flaschen alter – 15 Jahre ist das Mindestalter - Rotweine der australischen Kellerei begutachtet, geöffnet, verkostet und mit einem speziellen Label versehen wieder verkorkt wurden. Im Gegensatz zu dem, was gelegentlich in der Presse zu lesen ist, erklärt Peter Gago, der Chefönologe von Penfolds, der diese Veranstaltungen in der Regel selbst leitet, werden nicht nur alte Jahrgänge des Kultweins der Australier, des Grange (früher: Grange Hermitage) neu verkorkt, sondern auch die aller anderen, noch lagerfähigen Rotweine der Kellerei.

Für diese Roadshow hat Penfolds eigens drei komplette Ausrüstungen inklusive Kork- und Kapselmaschinen auf drei Kontinenten deponiert, und lädt jedes Jahre in mehreren Städten der Welt die Weinfreunde zum Korktreff. Stockholm stand in diesem Herbst auf dem Programm, folgen werden London, San Francisco und natürlich immer wieder die australischen Metropolen Sydney und Melbourne. Wer seine Weine hierher bringt, tut dies natürlich auf eigenes Risiko, denn neu verkorkt und vom Önologen zertifiziert werden nur Weine, die wirklich weiter lagerfähig sind.

Die Nervosität ist bei den Sammlern, die den Weg ins Stockholmer Opernrestaurant geschafft haben, entsprechend groß: Wird ihr Wein dem strengen Urteil der Önologen standhalten und nicht nur wieder verkorkt, sondern auch zertifiziert werden? Ist das der Fall, dann hat sich der Besuch in der Recorking-Clinic für sie gelohnt, denn nicht selten steigt der Auktionswert von Flaschen mit dem von Gago und seinen Kollegen handsignierten Zusatzetikett beträchtlich.

Wird der Wein allerdings des Zusatzetiketts für nicht mehr würdig befunden, so kann ihr Sammlerwert innerhalb von Sekunden auf Null fallen: Ihres Originalkorkens beraubt und ohne die begehrte Zertifizierung würde kein Auktionator der Welt sie überhaupt noch zur Versteigerung zulassen. Solche Flaschen sind bestenfalls noch trinkbar und sollten diesem Zweck auch möglichst schnell zugeführt werden – es sei denn ihr Besitzer möchte sie als Souvenir aufbewahren.

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Erst Grange Hermitage, dann Grange – in größeren Sammlungen
finden sich nicht selten Weine des alten und des neuen Namens von
Australiens Kultwein No. 1, dessen Name geändert werden musste,
weil Hermitage in der EU zu den geschützten Herkunftsbezeichnungen gehört.

Selbst Chefs großer Unternehmen, Millionäre und Milliardäre, stünden bei diesen Veranstaltungen regelmäßig mit zitternden Händen vor ihm, erzählt Peter Gago schmunzelnd, und bangten um das Schicksal ihrer heißgeliebten Flaschen. Natürlich dürfen sie ihre Weine zusammen mit den Önologen verkosten, und so wird deren Urteil in den seltensten Fällen angezweifelt. Auch für uns wenige angereiste Journalisten bietet sich die Gelegenheit, den einen oder anderen alten Jahrgang zu probieren: Beim Grange sind es in diesem Fall der 1994er, der jüngste überhaupt zugelassene Jahrgang, der sich noch sehr verschlossen, aber von großer aromatischer und geschmacklicher Eleganz zeigt – vielleicht nicht ganz auf der Höhe, auf der ich ihn vor 10 Jahren zwei Mal erlebte, aber mit Sicherheit noch lange lager- und weiter entwicklungsfähig.

Erstaunlich lebendig und vielschichtig auch der 1981er, wobei sich die geöffneten Flaschen dieses Jahrgangs sehr unterschiedlich präsentierten, und absolut überragend sogar der von Experten häufig nicht so hoch bewertete 1977er, der enorm dichtes, reifes Rot zeigt, tolleWürze und Tiefe im Duft besaß und mit der Lüftung immer rauchiger und komplexer wurde. Mit seiner perfekten, lebendigen Tanninstruktur war das ein noch ungemein frischer, großer Wein.

Für Penfolds, die Adelaider Traditionskellerei aus dem Imperium des Brauereigiganten Foster’s, ist die Recorking-Clinic ein fantastisches Marketinginstrument für die Kundenbindung. Wer einmal seine Flaschen hier neu verkorken ließ, darf sich als Mitglied einer internationalen Sammlergemeinde betrachten, und wird der Marke Penfolds so schnell nicht untreu werden. Damit dies auch Auswirkungen auf den Absatz der anderen Produkte der Südaustralier hat, dürfen die angereisten Sammler ausgiebig unter den aktuellen Jahrgängen anderer Spitzenweine der Australier kosten, Weine, über die wir demnächst in einem ausführlichen Weinhighlight auf ENO WorldWine berichten werden.

So gekonnt Penfolds hier seine Kultweine zelebrierte, so unverständlich war dann allerdings das, was wenig später in Deutschland präsentiert wurde. Unter der neugierig machenden Bezeichnung „Luxury & Icon Collection“ wurden hier Penfolds-Weine vorgestellt, die vom Status wirklicher Luxus- und Kultweine (englisch: icon wines) meilenweit entfernt war.

Nicht, dass der Shiraz Kalimna Bin 28 ein schlechter Wein wäre, wobei der präsentierte Jahrgang 2006 allerdings ungewöhnlich plump wirkte, nicht, dass der Chardonnay Tumbarumba Bin 311 keine Aufmerksamkeit verdient hätte. Aber wer solche Weine unter dem Label „Luxury & Icon“ anbietet, der demoliert vollkommen unnötig und ganz ohne Notwendigkeit das Image seiner wirklichen Luxus- und Kultprodukte, allen voran des Grange oder auch des Cabernet Sauvignon Bin 707, des Shiraz Magill Estate und des sehr modernen Shiraz RWT. Schade eigentlich, aber so fiel auf die tolle Veranstaltung von Stockholm noch nachträglich ein etwas trüber Schatten.

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